Alpin Notruf: 140

Seit Jahren sorgt die Bergrettung Niederösterreich/Wien dafür, dass motivierte Bergretterinnen und Bergretter auch im Hochtourenbereich top ausgebildet sind – denn Bergretter:in zu sein heißt auch, Alpinist:in zu sein. Fix im Jahresprogramm: Klettern am Dachstein, Gletscherkurs am Großglockner – und die Skihochtourenwoche. Heuer führte sie in die Silvretta, das Grenzgebirge zwischen Tirol/Vorarlberg und der Schweiz.

Acht Bergretter – davon drei aus der Ortsstelle Reichenau – trafen sich mit ihrem Ausbildner – ebenfalls aus Reichenau – am Ostermontag am Bahnhof Landeck‑Zams – die meisten reisten klimaschonend per Zug an. Nach dem letzten Materialcheck ging es weiter nach Ischgl, dem Startpunkt der mehrtägigen Durchschreitung. Mit Liftunterstützung, ein paar Abfahrten über Pisten und freie Hänge und jeder Menge Vorfreude erreichte die Gruppe schließlich die Heidelberger Hütte in der Schweiz – Quartier für die ersten beiden Nächte.

Am ersten Abend wurde in geselliger Runde die Woche „aufgeschlagen“: Tourenplanung, Schnee- und Lawinensituation, Wetterprognose. Alles deutete auf eine sehr warme, großteils sonnige Frühlingswoche hin – samt der dafür typischen Lawinensituation.

Tag 1 stand im Zeichen der Akklimatisation, des „Einlesens“ in die Schneeverhältnisse – und eines ehrlichen Blicks auf die Skitourentechnik. Mit dem ersten Tageslicht, pünktlich um 7.00 Uhr, setzte sich die Gruppe in Bewegung. Rund 800 Höhenmeter später war die 3009 m hohe Lareinfernerspitze erreicht. Nach einer kurzen Abfahrt folgte der analytische Teil: ein Schneeprofil zur strukturierten Beurteilung der Schneedecke, um Schwachschichten zu erkennen und die Lawinengefahr besser einschätzen zu können.

Dann ging es weiter zum zweiten Gipfel des Tages: dem Hausberg der Hütte, der 2963 m hohen Heidelberger Spitze. Bei perfektem Firn führte der Aufstieg bis zum Skidepot auf 2900 m; die letzten Höhenmeter wurden zu Fuß bis zum Gipfelkreuz zurückgelegt. Oben öffnete sich ein Panorama, das die kommenden Ziele schon erahnen ließ – weit über die Silvretta hinaus bis Richtung Ortler- oder Berninagruppe reichte der Ausblick. Die Abfahrt zurück zur Heidelberger Hütte lieferte schließlich Frühjahrsskilauf de luxe; im weiten Talkessel war mehr als einmal ein Juchizer zu hören.

Nach der Stärkung wartete am Nachmittag ein Technikblock: Seilgeländer, Verankerungen im Schnee und verschiedene Abseilmethoden wurden am nahen Kletterfelsen geübt. Um 17.00 Uhr stand bereits die Tourenplanung für den nächsten Tag am Programm. Frisch geduscht, dank vorzüglicher Küche bestens versorgt (und den Flüssigkeitshaushalt nicht vergessen) ging es mit der Hüttenruhe in die gemütlichen Zimmer.

Tag 2 bedeutete: Spurarbeit im unverspurten Schnee – und ein Aufstieg, der ordentlich Schweiß kostete. Um 6.45 Uhr startete die Gruppe, aufgeteilt in zwei Teams, Richtung Larafeinerjoch (2852 m). Über weite, kupierte Hänge ging es bei „fetzlblauem“ Himmel zum Joch. Von dort führte die Linie über den Lareinferner mit perfektem, unverspurtem Pulver hinunter, bis der steile Gegenanstieg zur Schnapfenspitze anstand.

Am bis zu 45 Grad steilen Gletscher waren alle Sicherheitsmaßnahmen gefragt – und eine ökonomische, gut durchdachte Spuranlage. Kein Lüftchen zur Abkühlung, aber dafür umso mehr Skihochtourengenuss. Vom Skidepot auf 3140 m ging es schließlich zu Fuß auf die 3210 m hohe Östliche Schnapfenspitze. Nach einer ausgiebigen Gipfelpause wurden die Abfahrtsverhältnisse gecheckt – optimal. Bei bestem Firn führte eine mehr als 45 Grad steile Rinne hinunter in die schneebedeckte Landschaft, die noch vom Bergsturz des Fluchhorns im Jahr 2023 gezeichnet ist, und anschließend flach hinaus zur Jamtalhütte – einer der wichtigsten Ausbildungshütten für Bergrettung, Bergführer oder Alpinpolizei in Österreich. Der Nachmittag klang auf der Sonnenterrasse aus, bevor am Abend die Tour auf die Dreiländerspitze geplant wurde.

Nach einer erneut sternenklaren Nacht ging es kurz nach 7 Uhr los. Über das langgezogene Jamtal begann der Zustieg zum Jamtalgletscher. Die Schneedecke war vom Schönwetter der letzten Tage geprägt: eine perfekte, harte Spur erleichterte Orientierung und Spuranlage bis zur Ochsenscharte auf 2950 m deutlich. Hinter der Scharte, auf der schattseitigen Nordwestseite, wurde es spürbar anspruchsvoller. Eine pickelharte, vereiste Altschneedecke verlangte saubere Spitzkehrentechnik – und den sicheren Umgang mit Harscheisen.

Auf 3100 m wurden die Steigeisen angelegt, der Gipfelgrat (bis zum 2. Schwierigkeitsgrad) am Seilgeländer gesichert bestiegen. Kurz vor 11.30 Uhr stand die Gruppe am ausgesetzten, schmalen Gipfel der Dreiländerspitze (3197 m). Die Abfahrt danach bot „spannende“ Verhältnisse – pickelhart und eisig, wie man sie auf Rax oder Schneeberg fast den ganzen Winter über kennt. Kurz vor der Wiesbadener Hütte, dem Quartier für die letzten zwei Nächte, lag das nächste Ziel bereits zum Greifen nah: der Piz Buin. Weil für den Folgetag Schlechtwetter mit Nebel, Wind und Schneefall prognostiziert war und damit die Orientierung am Gletscher deutlich schwieriger werden würde, wurde zur Vorbereitung auch das Skifahren am Seil geübt – ein lustiges, aber wichtiges Training, wie sich zeigen sollte.

Nach dem Beziehen des Lagers auf der Wiesbadener Hütte wurde rund um die Hütte die Spaltenbergung wiederholt, trainiert und verfeinert – „ready“ für schlechte Bedingungen. Wie jeden Abend folgte vor dem Essen die Tourenplanung, inklusive GPS‑Track, um im Nebel besser navigieren zu können.

Am nächsten Morgen dann die Überraschung: gutes Wetter, der nächtliche leichte Schneefall war bereits wieder abgezogen. Es war deutlich kälter als zuvor; die Wolken der angekündigten Kaltfront lagen noch über Gipfelniveau, und der starke, böige Wind war unübersehbar (und unüberhörbar). Noch vor 7.00 Uhr waren die Ski angeschnallt, der Aufstieg führte über verharschte, vom Neuschnee leicht „angezuckerte“ Hänge. Der Ochsentalgletscher – wie alle Alpengletscher – hat sich in den letzten Jahren massiv zurückgezogen; erst auf knapp 2700 m wurde er nach einer felsdurchsetzten Steilstufe erreicht.

Dann kippte das Wetter rasch: Nach Norden sank die Wolkendecke ab, Schneefall setzte ein – und binnen 15 Minuten steckte auch das Bergrettungsteam mitten im Whiteout. Jetzt zahlte sich die Vorbereitung aus: Der am Vorabend angelegte GPS‑Track erleichterte die Orientierung bei Nebel, Schneefall und starkem Wind enorm. Knapp 2,5 Stunden nach dem Start war die Buinlücke auf über 3000 m erreicht. Die Ski wurden sturmsicher im Skidepot am Gletscher verstaut, Steigeisen angezogen – und dann ging es die restlichen knapp 300 Höhenmeter über Fels und Schnee auf den Gipfel. Um 10.15 Uhr war der höchste Punkt Vorarlbergs erreicht: der Piz Buin (3312 m). Die widrige Witterung tag der Stimmung keinen Abbruch.

Nach dem Gipfelfoto ging es zurück zum Skidepot und weiter – im Whiteout – über den Gletscher in feinem Pulverschnee. Das am Vortag geübte Fahren auf Sicht bzw. am Seil konnte jetzt noch einmal angewendet werden. Und dann wartete für manche ein echtes Highlight: die Abfahrt unterhalb eines Gletschers sowie durch das Gletschertor. Um 13.00 Uhr traf die gesamte Bergrettungsmannschaft wieder gemeinsam auf der Wiesbadener Hütte ein und nutzte den freien Nachmittag für Duschen, Schlafen sowie Kameradschaft bei Hopfen und Malz.

Vor dem Abendessen folgte die obligatorische Tourenplanung für den letzten Tourentag – und es war klar: Das sollte ein absolutes Highlight werden.

Die Kaltfront hatte ca 10 cm Neuschnee gebracht. Die Verhältnisse waren gut, doch durch die neuerliche Erwärmung war im Steilhang (bis zu 45 Grad) der Haagspitze eine kluge Spuranlage entscheidend. Wie jeden Morgen ging es vor 7.00 Uhr los: Nach einem kurzen Steilaufschwung führte die Route über unverspurte, weite Hänge, sanfte Kuppen und zugefrorene Bergseen bis an den nördlichen Steilaufschwung. In weiten Sicherheitsabständen wurde eine Spur in den frischen Schnee gelegt – der, wie sich zeigte, nicht überall sauber mit der Altschneedecke verbunden hatte. Mehr als 300 Höhenmeter und einen „Spitzkehrentango“ später war die Scharte erreicht, die letzten Meter zur 3029 m hohen Haagspitze wurden zu Fuß zurückgelegt.

Oben wartete ein atemberaubender Blick auf die Gipfel der letzten Tage (und weit darüber hinaus) – und auf das, was jetzt wirklich zählte: die Abfahrt. Weil die Frühlingssonne bereits kräftig drückte, ging es rasch wieder hinunter, um am östlichen Totenfeld‑Gletscher noch guten Pulverschnee zu erwischen. Und die Erwartungen wurden übertroffen: fast perfekter, nur leicht angefeuchteter Neuschnee auf tragender Altschneedecke. Herz, was willst du mehr.

Nach der Abfahrt ging es knapp unterhalb der Jamtalhütte auf einer präparierten Forststraße fast 10 km auf Skiern talauswärts nach Galtür – dort wartete das Ende der Skihochtourenwoche. Super glücklich, mit vielen Learnings und noch mehr Eindrücken, wurde das Material im Bergrettungsbus verstaut und es ging zurück nach Landeck‑Zams. Bei Kaffee, Mehlspeise und frischem Gewand wurde im Bahnhofskaffeehaus die Woche rekapituliert und die Erlebnisse diskutiert. Und die Vorfreude bleibt: Auch 2027 wird es wieder einen Skihochtouren- und Lawinenkurs geben – hoffentlich erneut mit Momenten, die man nicht so schnell vergisst.