Für die Bergrettung sind permanente Aus- und Weiterbildung sowie regelmäßige Übungen ein zentraler Pfeiler, um jederzeit bestmöglich vorbereitet und einsatzbereit zu sein. In Reichenau finden daher im Rahmen des Dienstsystems an den Wochenenden gruppeninterne Technik- und Erste-Hilfe-Schulungen statt – so kann individuell und praxisnah auf die Bedürfnisse und Wünsche der Bergretterinnen und Bergretter eingegangen werden. Ergänzend dazu werden zweimal im Jahr große ortstelleninterne Übungen durchgeführt: einmal im Winter, einmal im Sommer.
Am ersten Märzwochenende war es für unsere Ortsstelle so weit: 29 top motivierte Bergretterinnen und Bergretter sowie Mitglieder der Ausbildungsgruppe kamen zusammen, um einen ganzen Tag lang den Ernstfall zu proben – konzentriert, ausdauernd und mit dem Blick für jedes Detail.
Die Annahme für diese stundenlange Übung im felsdurchsetzten Steilgelände der Rax: Drei Personen waren am Vortag mit der Seilbahn auf die Rax aufgefahren, um den Sonnenuntergang zu betrachten – und wollten anschließend zu Fuß ins Tal absteigen. Doch in der Dunkelheit trennten sich die drei, verloren die Orientierung und fanden keinen sicheren Weg mehr. Am nächsten Morgen meldete sie ihr Quartiergeber als abgängig – und damit begann die Übung.

Die Einsatzleitung der Bergrettung Reichenau übernahm – und noch bevor der erste Schritt ins Gelände gesetzt war, musste das Lagebild stehen. Gemeinsam mit dem Melder wurden so viele Informationen wie möglich erhoben: Namen, Alter, Gesundheitszustand, Route, Wanderziel, Ausrüstung, Handynummern … und vieles mehr. Diese Details sind entscheidend, um die Lage korrekt zu beurteilen und den Einsatz sicher zu führen.
Drei Bergeteams mit je 8–10 Personen, Gebirgstragen und Bergematerial rückten um 09.30 Uhr nach dem Briefing durch Einsatzleitung und Gruppenleitung aus. Unterstützung kam von der Polizei, die das KFZ der drei Personen bei der Talstation ausfindig machen konnte. Zusätzlich ergab eine Handypeilung einen Treffer im Bereich Kleines Wolfstal, unweit des Klettergebiets Kadath, auf einer Seehöhe von ca. 1250 m.
Die drei Bergeteams fuhren mit der Seilbahn auf die Rax. Team 1 startete den Zustieg in Richtung Brandschneide, während ein Bergrettungsfahrzeug die Forststraßen entlang möglicher Abstiegswege absuchte. Um 10.15 Uhr wurde von der Polizei ein zweiter möglicher Fundort über die Plattform „what3words“ lokalisiert. Ein (fiktiver) Suchflug des BMI-Hubschraubers bestätigte schließlich, dass sich im Breittal auf ca. 1100 m Seehöhe eine leblose Person befindet. Das zweite Bergeteam, das bereits am Wanderweg Gsolhirn Position bezogen hatte, begann sofort mit dem Zustieg – der mehrfaches Abseilen notwendig machte.

Wenige Minuten später meldete die Seilbahn Hilferufe im oberen Bereich des Seilbahngrabens. Das dritte Bergeteam, das in diesem Bereich mit der Suche am Wanderweg begonnen hatte, stieg zu dieser Meldung zu. Parallel traf die (fiktiv) alarmierte Drohnengruppe ein, um die Suche aus der Luft zu unterstützen.
Zwischen 11.22 Uhr und 12.35 Uhr trafen die Bergeteams bei den drei gesuchten Personen ein. Alle waren unterkühlt und wiesen aufgrund der Abstürze Frakturen an den Extremitäten auf. Bei allen Personen musste ein konsequentes Wärmemanagement durchgeführt und die Verletzungen mit Sam-Splint geschient werden. Anschließend wurden sie in die Vakuummatratze und die Gebirgstrage eingebracht. Besonders aufwändig war die Bergung von Team 1: Da ein Abstieg über die Schotterrinne mit ihren Abbrüchen zu gefährlich war, musste eine fast 70 m lange Seilbahn zurück zum Wanderweg gebaut werden – von dort ging es über die Brandschneide retour nach Kaiserbrunn. Aufgrund der Steilheit des Steigs musste die Gebirgstrage fast durchgehend, 2,5 Stunden lang, vom Bergeteam gesichert werden. Das Rettungsteam im Seilbahngraben stieg über diesen überschlagen mit der Gebirgstrage direkt über fast zwei Stunden mühevoll bis zur Talstation der Seilbahn ab, wo die Person an den fiktiven Rettungsdienst übergeben werden konnte.
Das Bergeteam im Breittal musste ebenfalls eine steinschlaggefährdete, teilweise enge und felsdurchsetzte Rinne gesichert – inklusive Gebirgstrage – bis ins Tal absteigen. Nach mehreren Abseilstellen traf das Team schließlich um kurz nach 15.30 Uhr im Höllental an der B27 ein.
Im Rahmen der Übung wurde auch ein möglicher Stromausfall in der Einsatzleitung der Zentrale Reichenau simuliert – inklusive Umschaltung auf Notstrom und dem Wiederhochfahren der Kommunikation zu den Einsatzmannschaften. So wurden auch diese Abläufe trainiert, damit sie im Ernstfall sitzen und reibungslos funktionieren.

Mit 16.00 Uhr konnte die einsatzorientierte Winterübung 2026, welche hohe technische Anforderungen an die Teams stellte, erfolgreich abgeschlossen werden. Im Gasthaus Kobald wurde beim gemütlichen Zusammensitzen reflektiert, Erfahrungen wurden ausgetauscht und wertvolle Erkenntnisse geteilt. Nicht jedoch für alle: Noch während des Ausklangs ging eine Alarmierung zu einem erschöpften Wanderer ein, den ein kleines Bergeteam nahe der Kienthalerhütte bergen musste.
Zum Abschluss möchte sich die Ausbildungs- und Einsatzleitung bei allen Bergretterinnen und Bergrettern für ihren Einsatz und ihr Engagement bedanken – bei der Übung ebenso wie bei den Aus- und Fortbildungen, Diensten und Alarmierungen. Berg Heil.